Leseprobe zu Erbin der Zeit: Das Blut der vier Königreiche

Kapitel 1

Nae

Seit die Götter Titansvillage zerstört hatten, waren zwei Monate vergangen. Einige Hütten waren mit wenigen Rußflecken davongekommen. Xaenyms, Moonrise‘ und Neffires Hütte war sogar noch bewohnbar. Inzwischen war Loryelle dort eingezogen, da Moon bei der Verteidigung des Lagers gestorben war und wir seit Wochen nichts von Xaenym gehört hatten.
Neffire hatte Pavers und Moonrise‘ Tod recht gut verkraftet. Sie arbeitete von morgens bis abends, um sich abzulenken. Und es funktionierte. Jeden Tag saß sie mit den anderen am Mittagstisch, lachte viel und schien einigermaßen glücklich zu sein.
Mehr Sorgen machte ich mir um Xaenym. Wo konnte sie nur sein? Titansvillage brauchte sie. Als Xae fortgegangen war, um die Göttin Armenia zu suchen, hatte sie Chaos hinterlassen. Alle Einwohner des Lagers hatten Aras‘ Befehl, ihr nichts von Armenia zu erzählen, blind befolgt. Nachdem sich herausgestellt hatte, dass es eine falsche Entscheidung gewesen war, hatten alle begonnen, an Aras zu zweifeln.
Aber die Welt schien stillzustehen. Nichts geschah. Wir hatten nichts mehr wegen Aras unternommen. Wir hatten Heige nicht über ihre Vergangenheit ausgefragt. Wir standen morgens auf, halfen beim Bau der Hütten und legten uns wieder schlafen. Tag für Tag.
Die Titanen verhielten sich frustrierend normal. Ich hatte übernatürliche Gottwesen erwartet. Stattdessen verhielten sie sich, als wären sie menschlich. Zwar waren sie altmodisch, aber eben auch nur das. Bereits seit mehreren Tagen ahnte ich, was los war. Das Skia hatte einen Defekt. Nur die sterbliche Essenz der Titanen war aus der Unterwelt zurückgekehrt. Sie hatten keine Kräfte mehr.
Ich atmete tief durch und genoss die Waldluft. Ich war mitten in der Nacht in den Wald gelaufen und hatte mich auf den moosbewachsenen Boden gesetzt. Tief durchatmend schloss ich die Augen.
So gern hätte ich in einem Sagenbuch nach weiteren Informationen über das Skia gesucht, doch die Bibliothek war abgebrannt. Jahrtausendealtes Wissen hatte sich in Asche und Rauch verwandelt. Meine Hütte war bis auf die Grundmauern niedergebrannt. Seit Wochen kam ich jeden Tag hierher und starrte stundenlang die Bäume an.
Nach der Mission fiel es uns allen schwer, in den Alltag zurückzufinden. Häufig ertappte ich mich dabei, wie ich die Pfeile in meinem Köcher zählte, obwohl ich jederzeit neue aus dem Waffenlager holen konnte oder morgens aufstand und weiterlaufen wollte, nur um dann festzustellen, dass ich kein Ziel hatte. Es fühlte sich falsch an, still herumzusitzen, während Vice und Zeus noch lebten.
„Wie lange willst du noch die Bäume anstarren?“, fragte eine Stimme. Ein Grinsen breitete sich auf meinem Gesicht aus.
„Ich bin eine Dryade. Wir tun so etwas“, protestierte ich.
Ramy trat grinsend zwischen den Bäumen hervor und setzte sich neben mich. Seine schwarzen Haare waren zerzaust und sein weißes T-Shirt zerknittert. Die verschnörkelten Tattoos an seinen Armen schimmerten durch den hellen Stoff hindurch. Ramy schaffte es tatsächlich, gut auszusehen, obwohl er gerade erst aufgestanden war.
„Warum sitzt du mitten in der Nacht hier rum?“, fragte er.
„Warum suchst du mich, während ich mitten in der Nacht hier rumsitze?“, gab ich zurück.
Er zuckte mit den Schultern, nahm meine Hand und zog mich auf die Beine.
„Du hast heute Geburtstag.“
„Nein“, erwiderte ich stirnrunzelnd.
„Ist mir egal. Ich habe ein Geburtstagsgeschenk für dich.“
Er griff in die Innentasche seiner Jacke und zog ein dickes in Leder gebundenes Buch mit goldener Aufschrift hervor.
„Die Chronik des trojanischen Krieges“, las ich erstaunt. „Wo hast du das her?“
„Ich hab es in den Trümmern der Bibliothek gefunden. Ein paar Seiten sind nicht mehr lesbar, doch ich dachte, du könntest vielleicht etwas damit anfangen.“ Er zuckte mit den Achseln. „Aber das war erst ein kleiner Teil des Geschenks. Denkst du, ich schenke dir nur ein verkohltes Buch zum Geburtstag?“
„Wie gesagt, ich habe nicht Geburtstag.“
„Jedenfalls denke ich, es geht uns allen so. Wir können nicht tatenlos herumsitzen. Und genau das ist mein Geschenk.“
Ich sah ihn fragend an.
„Lies das Buch. Ich war so frei und habe mit Textmarker ein paar Stellen markiert. Das muss etwas bedeuten. Wenn ich Recht habe, müssen wir so schnell es geht aufbrechen.“
„Du hast ein jahrhundertealtes Buch mit Textmarker bemalt?“, rief ich empört.
„So in etwa. Aber darum geht es nicht. Lies es dir durch. Bitte. Erinnerst du dich, dass es den Göttern nicht nur um das Skia ging? Es gibt da noch etwas anderes. Und ich glaube, dieses Buch hat etwas damit zu tun. Ich werde daraus nicht schlau. Aber du vielleicht. Wenn überhaupt jemand versteht, worum es geht, dann du. Ich weiß, es klingt so, als würde ich nur nach einem Vorwand suchen, eine neue Mission zu starten, und ja, das stimmt. Still rumzusitzen ist nicht meine Art. Aber ich glaube, da ist wirklich was los. Vielleicht hilft dieses Buch ja, die Titanen … titanischer zu machen.“
Ich nickte und wollte mich zurück zu meiner Hütte begeben, als er mich am Arm festhielt und zu sich zog.
„Das kann bis Sonnenaufgang warten.“
„Aber …“ Weiter kam ich nicht, da seine Lippen schon auf meinen lagen.

Die nächsten beiden Tage verbrachte ich damit, das Buch zu lesen und besonders auf die markierten Stellen zu achten. Und Ramy hatte tatsächlich Recht. Ich blieb fast durchgehend wach und dachte an die Geschehnisse in Troja. Nachdem ich das Buch gelesen hatte, rannte ich, so schnell ich konnte, zu seiner Hütte. Es kümmerte mich nicht, dass es vier Uhr morgens war. Ich musste dringend mit Ramy sprechen. Er war inzwischen bei Roove eingezogen, da seine früheren Mitbewohner tot waren. Kurz bevor ich anklopfte, öffnete sich die Tür langsam. Dahinter kam Roove in vollständiger Kampfmontur zum Vorschein, der mich mit weit aufgerissenen Augen anstarrte. An seinen Schultern hing ein schwarzer Rucksack.
„Äh … ich“, stammelte er.
„Du willst Xae suchen gehen“, ergänzte ich.
Er ließ die Schultern sinken und sah zu Boden. „Wenn es so wäre, würdest du mich gehen lassen?“
„Ich kann dich nicht aufhalten, oder?“ Seufzend trat ich zur Seite.
Er lächelte und ging die Treppen hinunter. Kurz bevor er mit der Dunkelheit verschmolz, drehte er sich um und sagte: „Leb wohl. Ich hoffe wirklich, dass wir uns wiedersehen. Aber ohne Xae komme ich nicht zurück. Ich kann einfach nicht. Ich habe es die ganze Zeit versucht, mir eingeredet, dass ich sie nicht brauche. Aber das tue ich.“ Und dann verschwand er.
Langsam drehte ich mich um und presste die Lippen zusammen. Vor einigen Monaten hatten wir uns zu zehnt auf den Weg gemacht. Jetzt waren nur noch Neffire und ich davon übrig.
Meine Brust fühlte sich furchtbar leer an.
Als ich in Ramys Zimmer ankam, saß er bereits kerzengerade auf seinem Bett und starrte mich an.
„Wieso bist du wach?“
„Ich konnte nicht schlafen. In letzter Zeit kann ich gar nicht mehr schlafen. Ich muss ständig an dieses Buch denken.“
„Genau deshalb bin ich hier. Wir müssen zu Aras. Sofort.“
„Aras hat hier nichts mehr zu sagen“, entgegnete er spöttisch.
„Wir gehen zu Aras“, beharrte ich. Es war mir egal, dass er sich im Moment für nichts interessierte. Er war der Lagerleiter. Wenn wir eine Mission antreten wollten, musste er davon wissen.

Einige Minuten später beugte Aras sich stirnrunzelnd über das Buch. Ramy presste seine Lippen zu einem dünnen Strich zusammen und ballte die Fäuste. Ich fand noch immer seltsam, dass er Aras‘ Sohn war. Noch dazu hasste Ramy ihn anscheinend. Die beiden hatten noch kein einziges Wort miteinander gesprochen. Im ganzen Raum herrschte angespannte Stille. Mir war klar, dass Ramy nur für mich hier war. Es ging ihm nicht um den Auftrag.
Ich nahm Ramys Hand und verschränkte meine Finger mit seinen. Sofort entspannte er sich. Sein Atem ging langsamer. Er griff nach einer meiner Haarsträhnen und drehte sie lächelnd zwischen den Fingern hin und her.
Plötzlich schlug Aras das Buch zu.
„Nein“, verkündete er.
Urplötzlich ließ Ramy meine Haarsträhne los und begann mit den Zähnen zu knirschen.
„Was meinst du mit ’nein‘?“, fragte ich stirnrunzelnd.
„Ich meine nein. Ihr geht nicht.“
„Aber Aras, schau dir doch die erste Seite an.“ Ich deutete auf die ersten Zeilen des Buches.
„Aufzeichnungen zum Krieg um Troja, einem der vier vergangenen Blutskönigreiche, von Dermeseus, dem Sohn der Athena, zusammengetragen“, zitierte ich.
„Dort steht Blutskönigreich. Dieses Wort ist Ramy und mir sofort ins Auge gefallen. Ich habe dieses Wort noch nie gehört. Ginge es nur um ein gewöhnliches Königreich, stünde dort nicht Blutskönigreich. Und später schreibt Dermeseus, die Vereinigung der vier Königreiche sei verhindert worden, der Kelch sei nicht gefüllt worden. Bitte, Aras, ich muss mehr darüber erfahren. Wir haben keine Bücher mehr. Aber sie haben welche.“
„Du willst in die Bibliothek des Olymp einbrechen? Warum gehst du nicht zu Neraya?“
„Ich glaube, sie ist tot.“
Aras lachte auf. „Wie kommst du darauf?“
„Schlag Seite 847 auf. Dieses Buch erzählt nicht nur von Troja. Es enthält Prophezeiungen des Orakels von Delphi.“
Aras verdrehte zwar die Augen, tat aber wie gehießen.
„Sobald Wissen stirbt
reines Herz verdirbt
und die Erbin der Zeit läuft hinfort
fällt Entscheid an altbekanntem Ort
An verfluchtem Tag kehrt viertes Reich wieder
und unsichtbare Ketten gehen nieder
ehe vier Königreich sich vereinen
soll tot geglaubter König erscheinen.“
„Einiges davon ist schon geschehen. Das reine Herz, nämlich deins, ist verdorben. Es gab eine Zeit, da hast du uns zugehört, gemeinsam mit uns entschieden. Doch als Xaenym hier ankam, hast du plötzlich alles verschwiegen und alles allein geregelt. Die Erbin der Zeit, Xae, ist weggelaufen. Und irgendwo, wo sie schon oft war, wird sie ihre zweite Entscheidung fällen. Das heißt, dass das Wissen, also Neraya, schon gestorben ist.“
Aras hob eine Augenbraue.
„Das klingt alles so, als würdet ihr unbedingt gehen wollen und würdet alles als Grund für eine Mission ansehen.“
„Wir wollen nicht nur gehen, wir werden gehen“, meldete sich Ramy zu Wort. Seine Stimme klang hohl und distanziert, doch ich hörte die darin mitschwingende Wut heraus.
„Nein.“
„Weißt du was, Dad ?“
Aras zuckte bei diesem Wort sichtlich zusammen.
„Du hast hier sowieso nicht mehr viel zu sagen. Wir wollen doch alle, dass Chronos als Lagerleiter eingesetzt wird. Es traut sich nur niemand, etwas zu sagen“, fuhr Ramy fort. „Komm mit, Nae. Wir machen uns noch heute auf den Weg.“ Er zog mich aus dem Büro, wobei ich Aras einen entschuldigenden Blick zuwarf, und stapfte zum wieder aufgebauten Waffenlager. Ich wusste nicht so Recht, ob Ramys Vater mir leidtun sollte. Er hatte Titansvillage so lange geleitet und den Job auch wirklich gut gemacht. Aber plötzlich wirkte er wie ausgewechselt. Natürlich waren manche sauer auf ihn.
„Du hättest nicht so hart zu ihm sein sollen“, sagte ich, während ich einen Köcher und ein paar Dolche in einen Rucksack stopfte.
„Er hatte es verdient“, schnaubte Ramy.
Ich seufzte und legte meine Hand auf seine Schulter.
„Es tut mir leid. Du bist nur wegen mir nach Titansvillage gekommen. Um bei mir zu sein. Ich hatte keine Ahnung, wie schwer es mit Aras und dir… Ich hätte das nicht von dir verlangen dürfen.“
Er strich sanft über meine Wange und lächelte.
„Nae, ich habe das nicht für dich getan. Ich habe es für uns getan. Seit ich dich kennengelernt habe, versuche ich nicht, die Götter zu besiegen, damit sie besiegt werden. Ich kämpfe nicht gegen Monster, weil sie mich sonst töten. Ich überlebe nicht, damit ich weiterlebe. Ich tue es, um bei dir sein zu können. Ich tue es für uns.“
Ich lächelte. „Und dafür liebe ich dich.“
„Das ist ja nicht zu ertragen“, sagte plötzlich eine genervte Stimme.
Ich fuhr herum und erblickte ein Mädchen, das in vollständiger Kampfmontur am Eingang des Waffenlagers stand und die braungrünen Augen verdrehte. Ihre hellbraunen Haare waren verknotet und voller Schmutz. Ein Schnitt zog sich quer über ihre Stirn.
Ungläubig starrte ich das Mädchen an. Das konnte nicht sein. Doch ich war mir sicher. Es war Jannes. Sie lebte.
So schnell ich konnte, rannte ich zu ihr und fiel ihr um den Hals. Sie tätschelte unbeholfen meinen Rücken, offensichtlich unschlüssig, wie sie reagieren sollte. Jannes hatte es noch nie gemocht, jemanden zu umarmen.
„Wie … ?“, fragte ich mit erstickter Stimme. Eine Träne lief mir die Wange hinab.
„Ich habe keine Lust, alles zehnmal zu erklären. Bald erzähle ich es euch allen.“ Sie zuckte mit den Achseln, als wäre es keine große Sache. Aber das war es. Sie lebte. Ich konnte es nicht fassen.
Ich nickte, doch ich brannte vor Neugier. Wie war sie zurückgekehrt? War sie überhaupt richtig gestorben? Wenn man tot war, verlor man seinen Körper. Sie konnte also nicht einfach über den Acheron entkommen sein wie Cryliss.
Nun trat Ramy neben mich und grinste Jannes breit an.
„Du lebst“, bemerkte er.
„Sieht ganz danach aus“, erwiderte sie achselzuckend. „Wie ich sehe, machen wir uns demnächst auf den Weg?“ Sie deutete auf unsere Rucksäcke.
„Äh … ja, wir müssen in die Bibliothek der Götter, weil unsere abgebrannt ist, aber … Du bist doch gerade erst hier angekommen. Ich habe keine Ahnung, wo du in den letzten zwei Monaten warst. Es ist so viel passiert, von dem wir dir noch erzählen müssen. Findest du nicht, dass es besser wäre, hier zu bleiben und zu versuchen, dich zurechtzufinden?“, fragte ich zögernd.
Jannes schnaubte.
„Ich werde mich nicht hier verkriechen und mir anhören, was passiert ist. Ich will kämpfen. Ihr könnt mir während der Mission alles erzählen. Denkst du wirklich, ich würde wegen eines kurzen Aufenthalts in der Unterwelt aufhören zu kämpfen und mich in Titansvillage von Fragen durchlöchern lassen? Vergiss es. Ich komme mit.“
Ohne auf eine Antwort zu warten, begann sie, ihren Rucksack zu packen. Innerhalb weniger Minuten war sie reisefertig, sah uns erwartungsvoll an und hob eine Augenbraue.
„Worauf wartet ihr denn?“
„Wir treffen uns heute Abend um sechs vor dem Hauptgebäude. Die anderen wissen schon Bescheid“, gab Ramy zurück.
Ich verdrehte die Augen. „Du hast das organisiert, bevor ich überhaupt davon wusste, oder?“
Ramy grinste mich breit an. „Hast du etwas anderes erwartet?“
Als ich mich wieder an Jannes wenden wollte, war sie bereits verschwunden.
„Was denkst du darüber?“, fragte Ramy mit nachdenklicher Miene.
„Sie taucht hier mitten in der Nacht ohne Erklärung auf und will sofort mitkommen … Ich weiß nicht. Ich freue mich, sie wiederzusehen, aber sie war tot. Der Aufenthalt im Tartaros hat Cryliss zerstört. Ich frage mich, was mit Jannes passiert ist.“
Ramy nickte, während er ins Leere starrte.